akutes Atemnotsyndrom (ARDS)

Einleitung

Ein Patient bekommt kaum Luft. Die SauerstoffsÀttigung fÀllt. Im Röntgenbild zeigen sich Verschattungen. Ist das bereits ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS)?

Die Antwort ergibt sich nicht aus einem einzelnen Symptom oder Bild. Entscheidend sind der zeitliche Verlauf, die Ursache, die Sauerstoffversorgung und die Frage, ob die Bildbefunde die Atemstörung erklÀren. Eine Pneumonie kann ein ARDS auslösen. Eine Sepsis aus dem Bauchraum ebenfalls. Eine Lungenembolie verursacht dagegen oft schwere Atemnot, ohne dass ein ARDS vorliegt.

Was bedeutet ARDS?

Das Acute Respiratory Distress Syndrome (ARDS) ist eine akute, entzĂŒndlich bedingte LungenschĂ€digung. Durch die gestörte alveolokapillĂ€re Barriere gelangt FlĂŒssigkeit in das Lungengewebe und die Alveolen. Der Gasaustausch verschlechtert sich.

Die Atemstörung entwickelt sich innerhalb einer Woche nach einem bekannten Auslöser oder nach Beginn beziehungsweise Verschlechterung der respiratorischen Beschwerden. In der Bildgebung finden sich beidseitige Verschattungen, die nicht vollstĂ€ndig durch PleuraergĂŒsse, Atelektasen oder andere lokale Befunde erklĂ€rt werden. Eine Herzinsuffizienz oder FlĂŒssigkeitsĂŒberladung darf die Atemstörung nicht hauptsĂ€chlich erklĂ€ren. Nicht jeder Patient entwickelt im weiteren Verlauf eine Lungenfibrose.

Röntgen + Artefakte
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Der Horovitz-Quotient

Der Horovitz-Quotient beschreibt das VerhĂ€ltnis zwischen dem arteriellen Sauerstoffpartialdruck (PaO₂) aus der Blutgasanalyse und dem tatsĂ€chlich eingeatmeten Sauerstoffanteil (FiO₂):

PaO₂/FiO₂ = PaO₂ in mmHg Ă· FiO₂ als Dezimalzahl

Bei Raumluft betrĂ€gt die FiO₂ etwa 0,21. ErhĂ€lt der Patient eine Sauerstofftherapie, verwendet man stattdessen die FiO₂ wĂ€hrend der Blutgasanalyse. Ist sie beispielsweise auf 0,50 eingestellt, teilt man den PaO₂ durch 0,50.

Beispiel: PaO₂ 75 mmHg bei FiO₂ 0,50 → 75 Ă· 0,50 = 150 mmHg.

Nach der Berliner Definition wird ein ARDS bei einem Quotienten von ≀ 300 mmHg unter entsprechendem positivem Atemwegsdruck beurteilt: leicht 201–300, mittelgradig 101–200, schwer ≀ 100 mmHg. Die neuere globale Definition berĂŒcksichtigt unter bestimmten Voraussetzungen auch Patienten unter High-Flow-Sauerstofftherapie. Ein niedriger Quotient allein genĂŒgt fĂŒr die Diagnose ARDS nicht.

Fall 1: Influenza-A-Pneumonie mit Entwicklung eines ARDS

Fall und Anamnese

Ein 50-jĂ€hriger Mann, 178 cm groß und 82 kg schwer, stellt sich wegen seit vier Tagen bestehendem Fieber, trockenem Husten, Kopf- und Gliederschmerzen vor. Seit dem Morgen bekommt er auch in Ruhe schlecht Luft. Seine Ehefrau hatte in der Vorwoche eine bestĂ€tigte Influenza-A-Infektion.

Bei ihm ist eine arterielle Hypertonie bekannt. Er nimmt Amlodipin 5 mg p.o. einmal tÀglich. Weitere Dauermedikamente und Arzneimittelallergien sind nicht bekannt. Eine chronische Herz- oder Lungenerkrankung besteht nicht.

Erste Untersuchung, Labor und Radiografie

Der Patient ist wach und orientiert, spricht wegen der Atemnot jedoch nur in kurzen SÀtzen. Beidseits basal sind RasselgerÀusche zu hören.

Befund Wert
Temperatur 39,0 °C
Blutdruck 116/70 mmHg
Herzfrequenz 114/min
Atemfrequenz 31/min
SpO₂ unter Raumluft 87 %
PaO₂ unter Raumluft 56 mmHg
Leukozyten 8,9 G/l
CRP 108 mg/l
Prokalzitonin 0,12 ng/ml
Kreatinin 0,9 mg/dl

Die PCR aus einem Nasopharynxabstrich weist Influenza A nach. Im Thoraxröntgen zeigen sich zunĂ€chst fleckige Verschattungen in beiden Unterfeldern. Ein großer Pleuraerguss liegt nicht vor. Blutkulturen und eine respiratorische Probe werden abgenommen. Eine bakterielle Koinfektion kann bei Aufnahme noch nicht sicher ausgeschlossen werden.

Erste Behandlung – Ă€rztliche Anordnungen

  1. Sauerstoff ĂŒber Venturi-Maske mit FiO₂ 0,40 beginnen. SpO₂ und Atemarbeit kontinuierlich ĂŒberwachen und die arterielle Blutgasanalyse unter Sauerstoffgabe wiederholen.

  2. Oseltamivir 75 mg p.o. alle 12 Stunden beginnen. Die Behandlung wird trotz Symptombeginn vor vier Tagen sofort eingeleitet, weil der Patient mit schwerer Influenza-Pneumonie hospitalisiert ist. ZunĂ€chst sind fĂŒnf Behandlungstage vorgesehen; die Dauer wird bei schwerem Verlauf erneut beurteilt.

  3. Bis zum Ausschluss einer bakteriellen Koinfektion Ceftriaxon 2 g i.v. alle 24 Stunden und Azithromycin 500 mg i.v. alle 24 Stunden beginnen.

  4. Den Patienten auf einer Überwachungseinheit behandeln. Atemfrequenz, Sauerstoffbedarf, Blutdruck und Bewusstseinslage engmaschig kontrollieren.

Verschlechterung und erneute Diagnostik

Nach etwa 30 Stunden steigt der Sauerstoffbedarf. Der Patient atmet 38-mal pro Minute, benötigt CPAP und wirkt zunehmend erschöpft.

Die Verschlechterung kann auftreten, obwohl Oseltamivir bereits gegeben wird: Die Influenza hat eine entzĂŒndliche LungenschĂ€digung ausgelöst, die nicht unmittelbar mit Beginn der antiviralen Behandlung endet. ZusĂ€tzlich werden eine bakterielle Koinfektion, FlĂŒssigkeitsĂŒberladung und Herzinsuffizienz erneut geprĂŒft.

Das Kontrollröntgen zeigt jetzt ausgedehnte, teilweise zusammenfließende Verschattungen in beiden Lungen. Die Echokardiografie zeigt keine Linksherzinsuffizienz, die die Atemstörung hauptsĂ€chlich erklĂ€rt. Große PleuraergĂŒsse bestehen nicht.

Unter CPAP mit PEEP 8 cmH₂O und FiO₂ 0,50 betrĂ€gt der arterielle PaO₂ 75 mmHg:

Horovitz-Quotient: 75 Ă· 0,50 = 150 mmHg.

Der akute Verlauf, die beidseitigen Verschattungen und die HypoxĂ€mie sprechen fĂŒr ein mittelgradiges ARDS. Die bisherigen Blutkulturen sind negativ. Nach der wegen Erschöpfung erforderlichen Intubation wird zusĂ€tzlich Trachealsekret mikrobiologisch untersucht.

Anschließende Therapie – Ă€rztliche Anordnungen

  1. Intubieren und lungenprotektiv beatmen.

  2. Atemzugvolumen initial 440 ml einstellen. Bei 178 cm KörpergrĂ¶ĂŸe betrĂ€gt das berechnete Körpergewicht etwa 73 kg; 440 ml entsprechen rund 6 ml/kg berechnetem Körpergewicht. Plateaudruck unter 30 cmH₂O halten. PEEP und FiO₂ anhand der wiederholten Blutgasanalysen und der Kreislaufreaktion anpassen.

  3. Oseltamivir 75 mg alle 12 Stunden ĂŒber die Magensonde fortfĂŒhren. Nach fĂŒnf Tagen die Therapiedauer anhand des klinischen Verlaufs erneut festlegen.

  4. Ceftriaxon und Azithromycin zunĂ€chst fortfĂŒhren, bis die erneute Diagnostik beurteilt ist. Die Blut- und Trachealsekretkulturen bleiben negativ; auch die weitere klinische Untersuchung ergibt keinen Hinweis auf eine bakterielle Pneumonie. Nach dieser erneuten Beurteilung werden beide Antibiotika beendet.

  5. Bei anhaltend ausgeprĂ€gter HypoxĂ€mie trotz angepasster Beatmung eine Bauchlagerung durchfĂŒhren.

Klare Ursache: Die nachgewiesene Influenza-A-Infektion verursachte eine virale Pneumonie. Die EntzĂŒndung schĂ€digte anschließend beide Lungen und fĂŒhrte zu einem mittelgradigen ARDS. Eine zusĂ€tzliche bakterielle Pneumonie wurde in diesem Fall nicht nachgewiesen.

Fall 2: Perforierte Divertikulitis mit septischem Schock und ARDS

Fall und Anamnese

Ein 67-jĂ€hriger Mann, 175 cm groß und 75 kg schwer, wird wegen zunehmender linksseitiger Unterbauchschmerzen und Fieber eingeliefert. Seine Ehefrau berichtet, dass er seit einigen Stunden verwirrt ist und kaum Urin ausgeschieden hat. Husten und Auswurf bestehen nicht.

Er hat einen Diabetes mellitus Typ 2 und eine arterielle Hypertonie. Er nimmt Metformin 1.000 mg p.o. zweimal tĂ€glich und Ramipril 5 mg p.o. einmal tĂ€glich. Arzneimittelallergien sind nicht bekannt. Eine Divertikulose wurde bei einer frĂŒheren Koloskopie festgestellt.

Erste Untersuchung, Labor und Radiografie

Der Patient ist desorientiert und kaltschweißig. Der Unterbauch ist druckschmerzhaft mit Abwehrspannung.

Befund Wert
Temperatur 38,8 °C
Blutdruck 78/44 mmHg
Herzfrequenz 128/min
Atemfrequenz 27/min
SpO₂ unter Raumluft 94 %
Leukozyten 20,4 G/l
Laktat 5,2 mmol/l
Kreatinin 2,1 mg/dl

Die CT des Abdomens zeigt eine perforierte Sigmadivertikulitis mit freier Luft und intraabdomineller FlĂŒssigkeit. Das erste Thoraxröntgen zeigt noch keine beidseitigen Lungenverschattungen. Die zunĂ€chst geschĂ€tzte Kreatinin-Clearance betrĂ€gt etwa 35 ml/min. Der Patient befindet sich im septischen Schock mit akuter Nierenfunktionsstörung.

Erste Behandlung – Ă€rztliche Anordnungen

  1. Nach sofortiger Abnahme von Blutkulturen Piperacillin/Tazobactam 4 g/0,5 g i.v. alle 8 Stunden beginnen. Die Dosierung berĂŒcksichtigt die aktuell geschĂ€tzte Kreatinin-Clearance von 35 ml/min; die Nierenfunktion und Dosis werden tĂ€glich neu beurteilt.

  2. Balancierte kristalloide Infusionslösung zunĂ€chst in 500-ml-Boli i.v. geben. Nach jedem Bolus Blutdruck, periphere Durchblutung, Atembefund und Volumenreaktion erneut prĂŒfen. FĂŒr 75 kg betrĂ€gt die leitlinienbasierte initiale Orientierungsmenge von 30 ml/kg 2.250 ml innerhalb von drei Stunden; die laufende Gabe wird anhand der wiederholten Beurteilung gesteuert.

  3. Bei fortbestehender Hypotonie Noradrenalin i.v. als Perfusor mit 0,05 ”g/kg/min beginnen. Bei 75 kg entspricht das 3,75 ”g/min. Nach Blutdruck und Organperfusion titrieren; Ziel ist zunÀchst ein mittlerer arterieller Druck von ungefÀhr 65 mmHg.

  4. Dringliche operative Sanierung des Bauchherdes veranlassen. Laktat, Kreatinin und Urinausscheidung wiederholt kontrollieren.

  5. Metformin und Ramipril pausieren, solange septischer Schock und akute Nierenfunktionsstörung bestehen.

Der perforierte Darmabschnitt wird operativ behandelt und die Bauchhöhle saniert. Die Herdkontrolle ist ein wesentlicher Teil der Sepsistherapie; Antibiotika allein beseitigen die Perforation nicht.

Verschlechterung und erneute Diagnostik

Mehrere Stunden nach der Operation steigt der Sauerstoffbedarf stark an. Im neuen Thoraxröntgen finden sich ausgedehnte beidseitige Verschattungen. Große PleuraergĂŒsse bestehen nicht. Die Echokardiografie zeigt keine Linksherzinsuffizienz, die diesen Befund hauptsĂ€chlich erklĂ€rt.

Der Patient wird intubiert. Unter PEEP 10 cmH₂O und FiO₂ 0,80 betrĂ€gt der PaO₂ 64 mmHg:

Horovitz-Quotient: 64 Ă· 0,80 = 80 mmHg.

Damit liegt ein schweres ARDS vor. Die Blutkulturen weisen spĂ€ter Escherichia coli nach; die Empfindlichkeit gegenĂŒber Piperacillin/Tazobactam wird bestĂ€tigt. Die Infektionsquelle wurde operativ behandelt, aber die zuvor ausgelöste systemische EntzĂŒndungsreaktion hat bereits beide Lungen geschĂ€digt.

Anschließende Therapie – Ă€rztliche Anordnungen

  1. Lungenprotektive Beatmung mit initial 420 ml Atemzugvolumen. Bei 175 cm KörpergrĂ¶ĂŸe betrĂ€gt das berechnete Körpergewicht etwa 71 kg; 420 ml entsprechen rund 6 ml/kg. Plateaudruck unter 30 cmH₂O halten.

  2. Wegen des schweren ARDS Bauchlagerung fĂŒr mehr als zwölf Stunden pro Tag unter intensivmedizinischer Überwachung durchfĂŒhren.

  3. Piperacillin/Tazobactam 4 g/0,5 g i.v. alle 8 Stunden fortfĂŒhren, solange Nierenfunktion und Erregerempfindlichkeit diese Anordnung stĂŒtzen. Kreatinin-Clearance und Dosierung tĂ€glich erneut bestimmen.

  4. Noradrenalin nach Kreislaufreaktion titrieren. Weitere FlĂŒssigkeit nur nach erneuter PrĂŒfung des Volumenbedarfs geben. Laktat, Urinausscheidung und FlĂŒssigkeitsbilanz verfolgen.

Klare Ursache: Eine perforierte Sigmadivertikulitis hat einen septischen Schock ausgelöst. Die dadurch entstandene systemische EntzĂŒndungsreaktion hat anschließend eine beidseitige LungenschĂ€digung und ein schweres ARDS verursacht.

Fall 3: Aspiration von Mageninhalt mit ARDS

Fall und Anamnese

Ein 42-jĂ€hriger Mann, 180 cm groß und 78 kg schwer, wird nach einem generalisierten Krampfanfall eingeliefert. Seine Partnerin beobachtete, dass er wĂ€hrend der anschließenden Bewusstseinsstörung erbrach. Danach begann er stark zu husten. Vor dem Anfall hatte er weder Fieber noch Atemwegsbeschwerden.

Bei ihm ist eine Epilepsie bekannt. Verordnet ist Levetiracetam 1.000 mg p.o. zweimal tÀglich; er hat mehrere Dosen ausgelassen. Weitere Dauermedikamente oder Arzneimittelallergien sind nicht bekannt. Eine Herz- oder Lungenerkrankung besteht nicht.

Erste Untersuchung, Labor und Radiografie

Der Patient ist wieder erweckbar und kann seine Atemwege selbst schĂŒtzen. Er hustet anhaltend. Rechts basal sind RasselgerĂ€usche zu hören.

Befund Wert
Temperatur 37,4 °C
Blutdruck 134/82 mmHg
Herzfrequenz 108/min
Atemfrequenz 30/min
SpO₂ unter Raumluft 88 %
Leukozyten 12,5 G/l
CRP 18 mg/l
Kreatinin 0,9 mg/dl

Das Thoraxröntgen zeigt eine rechtsbetonte Verschattung in abhĂ€ngigen Lungenabschnitten. Der unmittelbare Beginn nach Erbrechen bei Bewusstseinsstörung spricht fĂŒr eine Aspiration von Mageninhalt mit chemischer SchĂ€digung der Lunge.

Erste Behandlung – Ă€rztliche Anordnungen

  1. Atemwege kontrollieren, sichtbares Material bei Bedarf absaugen und Sauerstoff geben. Bewusstseinslage, SpO₂ und Atemarbeit eng ĂŒberwachen.

  2. Levetiracetam 1.000 mg alle 12 Stunden wieder zuverlÀssig verabreichen. Solange der Patient nicht sicher schlucken kann, erfolgt die Gabe intravenös.

  3. Keine Antibiotika beginnen. Der beobachtete Ablauf und die zunĂ€chst fehlenden eindeutigen Infektionszeichen sprechen fĂŒr eine chemische Aspirationspneumonitis. Temperatur, Sekret, EntzĂŒndungswerte und klinischen Verlauf erneut prĂŒfen.

Verschlechterung und erneute Diagnostik

Nach 18 Stunden steigt die Atemfrequenz auf 36/min; der Patient benötigt zunehmend Sauerstoff und erschöpft. Das Kontrollröntgen zeigt jetzt fleckige Verschattungen in beiden Lungen. Er hat weiterhin kein Fieber; die erneute Beurteilung ergibt keinen ĂŒberzeugenden Hinweis auf eine zusĂ€tzlich entstandene bakterielle Pneumonie.

Der Patient wird intubiert. Unter PEEP 8 cmH₂O und FiO₂ 0,60 betrĂ€gt der PaO₂ 90 mmHg:

Horovitz-Quotient: 90 Ă· 0,60 = 150 mmHg.

Der Verlauf und die neuen beidseitigen Befunde sprechen fĂŒr ein mittelgradiges ARDS nach Aspiration.

Anschließende Therapie – Ă€rztliche Anordnungen

  1. Lungenprotektive Beatmung mit initial 450 ml Atemzugvolumen. Bei 180 cm KörpergrĂ¶ĂŸe betrĂ€gt das berechnete Körpergewicht etwa 75 kg; 450 ml entsprechen 6 ml/kg. Plateaudruck unter 30 cmH₂O halten.

  2. PEEP und FiO₂ anhand von Blutgasanalysen und Kreislaufreaktion anpassen. Atemwegssekret, Temperatur und Bildbefund im Verlauf erneut beurteilen.

  3. Levetiracetam 1.000 mg i.v. alle 12 Stunden fortfĂŒhren, solange keine sichere orale Einnahme möglich ist.

  4. Weiterhin keine Antibiotika anordnen, solange der Verlauf keinen Hinweis auf eine bakterielle Infektion ergibt. Ein ARDS allein belegt keine bakterielle Pneumonie.

Klare Ursache: Der Krampfanfall fĂŒhrte zur Bewusstseinsstörung mit Aspiration von Mageninhalt. Die chemische LungenschĂ€digung breitete sich im Verlauf auf beide Lungen aus und verursachte ein mittelgradiges ARDS.

Fall 4: Lungenembolie mit HypoxĂ€mie – kein ARDS

Fall und Anamnese

Eine 49-jÀhrige Frau, 70 kg schwer, entwickelt plötzlich Atemnot, atemabhÀngige Brustschmerzen und Herzrasen. Seit dem Vortag ist ihr linkes Bein geschwollen.

Nach einer Unterschenkelfraktur vor zwei Wochen wurde das Bein ruhiggestellt; seitdem ist sie wenig mobil. Herz- und Lungenerkrankungen sowie frĂŒhere Thrombosen sind nicht bekannt. Sie nimmt keine Dauermedikamente und hat keine bekannten Arzneimittelallergien. Eine aktive Blutung liegt nicht vor.

Erste Untersuchung, Labor und Radiografie

Befund Wert
Blutdruck 118/72 mmHg
Herzfrequenz 124/min
Atemfrequenz 29/min
SpO₂ unter Raumluft 90 %
PaO₂ unter Raumluft 60 mmHg
Kreatinin 0,8 mg/dl

Das linke Bein ist einseitig geschwollen. Das EKG zeigt eine Sinustachykardie. Im Thoraxröntgen fehlen neue beidseitige Verschattungen. Die CT-Pulmonalisangiografie weist eine beidseitige Lungenembolie nach. Die erste Echokardiografie zeigt noch keine ausgeprÀgte Rechtsherzbelastung.

Unter Raumluft betrÀgt der Horovitz-Quotient:

60 Ă· 0,21 ≈ 286 mmHg.

Der Wert zeigt eine Sauerstoffstörung an. Er begrĂŒndet hier kein ARDS, denn die CT weist eine andere Ursache nach und die fĂŒr ARDS erforderlichen beidseitigen Lungenverschattungen fehlen.

Erste Behandlung – Ă€rztliche Anordnungen

  1. Apixaban 10 mg p.o. zweimal tĂ€glich fĂŒr sieben Tage beginnen. Anschließend Apixaban 5 mg p.o. zweimal tĂ€glich fortfĂŒhren. Die Patientin kann Tabletten zuverlĂ€ssig einnehmen und hat nach den Fallangaben keine Gegenanzeige gegen diese Behandlung.

  2. Sauerstoff entsprechend der gemessenen HypoxĂ€mie geben. SpO₂, Blutdruck, Herzfrequenz und Beschwerden stationĂ€r ĂŒberwachen.

  3. Blutungszeichen unter Antikoagulation kontrollieren. Die weitere Behandlungsdauer wird unter BerĂŒcksichtigung des auslösenden Risikofaktors festgelegt.

Verschlechterung und erneute Diagnostik

Einige Stunden spĂ€ter steigt die Herzfrequenz auf 138/min, und der Sauerstoffbedarf nimmt zu. Der Blutdruck bleibt stabil. Die erneute Echokardiografie zeigt nun eine vergrĂ¶ĂŸerte rechte Herzkammer mit eingeschrĂ€nkter Funktion; das Troponin ist erhöht. Das Kontrollröntgen zeigt weiterhin keine neuen beidseitigen ARDS-Verschattungen.

Die Befunde zeigen eine zunehmende Rechtsherzbelastung durch die Lungenembolie. Die Patientin ist gefÀhrdet, einen Schock zu entwickeln, ist aber zum Zeitpunkt der erneuten Untersuchung noch kreislaufstabil.

Anschließende Therapie – Ă€rztliche Anordnungen

  1. Apixaban in der begonnenen therapeutischen Dosierung fortfĂŒhren.

  2. Überwachung auf einer geeigneten Einheit mit engmaschiger Kontrolle von Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffbedarf, Bewusstseinslage und Zeichen einer Blutung.

  3. Das fĂŒr eine mögliche Reperfusion zustĂ€ndige Team frĂŒhzeitig informieren. Solange die Patientin hĂ€modynamisch stabil bleibt, keine systemische Thrombolyse durchfĂŒhren. Bei eintretendem Schock mĂŒssen Reperfusion und Blutungsrisiko sofort neu beurteilt werden.

Klare Ursache: Die Ruhigstellung des Beins nach der Fraktur begĂŒnstigte eine venöse Thrombose. Aus dieser entstand eine Lungenembolie, die die plötzliche Atemnot, HypoxĂ€mie und spĂ€tere Rechtsherzbelastung erklĂ€rt. In diesem Fall liegt kein ARDS vor.

ARDS kurz erklÀrt

Das akute Atemnotsyndrom (ARDS) ist eine entzĂŒndliche LungenschĂ€digung, die sich innerhalb einer Woche entwickelt. FlĂŒssigkeit gelangt in die Alveolen und stört den Gasaustausch. Typisch sind beidseitige Verschattungen und eine ausgeprĂ€gte HypoxĂ€mie. Die Beschwerden dĂŒrfen nicht hauptsĂ€chlich durch Herzinsuffizienz oder FlĂŒssigkeitsĂŒberladung erklĂ€rbar sein.

Der Horovitz-Quotient wird aus dem arteriellen Sauerstoffpartialdruck (PaO₂) und dem tatsĂ€chlich eingeatmeten Sauerstoffanteil (FiO₂) berechnet: PaO₂ Ă· FiO₂. Beispiel: 75 mmHg Ă· 0,50 = 150 mmHg. Ein Wert von ≀ 300 mmHg ist ein ARDS-Kriterium; der Wert allein beweist die Diagnose nicht.

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