Einleitung
Angst ist eine natürliche Schutzreaktion. Von einer Angststörung spricht man, wenn die Angst übermäßig stark oder anhaltend ist, nicht zur tatsächlichen Bedrohung passt und den Alltag deutlich beeinträchtigt.
Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Viele Formen treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern.
Neben psychischer Anspannung treten häufig körperliche und vegetative Symptome auf:
- Herzklopfen oder Herzrasen
- Atemnot und Engegefühl im Brustkorb
- Schwitzen und Zittern
- Übelkeit und Bauchschmerzen
- Schwindel
- Kribbeln oder Taubheitsgefühle, sogenannte Parästhesien
- Muskelverspannungen, innere Unruhe und Schlafstörungen
Die körperlichen Beschwerden sind real. Abhängig von der Symptomatik müssen mögliche körperliche Ursachen sowie der Einfluss von Medikamenten, Koffein oder anderen Substanzen berücksichtigt werden.
Phobie
Eine spezifische Phobie ist eine ausgeprägte, anhaltende und unverhältnismäßige Angst vor einem bestimmten Objekt, Lebewesen oder einer bestimmten Situation. Typische Auslöser sind Spinnen, Höhen, Flugreisen, Blut oder Spritzen.
Die Konfrontation mit dem Auslöser führt meist unmittelbar zu starker Angst. Betroffene vermeiden entsprechende Situationen oder ertragen sie nur unter erheblicher Belastung. Häufig beginnt die Störung bereits im Kindes- oder Jugendalter.
Fall 1 – Spinnenphobie
Eine 25-jährige Frau bekommt beim Anblick einer Spinne Herzrasen, Zittern und Schweißausbrüche. Sie verlässt sofort den Raum und meidet den Keller. Obwohl sie ihre Angst selbst als übertrieben empfindet, kann sie diese kaum kontrollieren.
Fall 2 – Höhenangst
Ein 38-jähriger Mann entwickelt auf einem gesicherten Balkon starke Angst mit Schwindel und weichen Knien. Er befürchtet abzustürzen und meidet deshalb hohe Gebäude und Aussichtsplattformen.
Die Behandlung der Wahl ist eine kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition. Dabei stellen sich Betroffene unter therapeutischer Anleitung gezielt dem Angstauslöser. Sie lernen, die Angst auszuhalten, ihre Befürchtungen zu überprüfen und das Vermeidungsverhalten abzubauen.
Bei bestimmten Phobien kann eine Exposition in virtueller Realität eingesetzt werden. Medikamente gehören nicht zur Standardbehandlung spezifischer Phobien.
Soziale Angststörung
Die soziale Angststörung, auch soziale Phobie genannt, ist durch eine ausgeprägte und anhaltende Angst vor sozialen Situationen gekennzeichnet. Im Mittelpunkt steht die Befürchtung, von anderen negativ bewertet, abgelehnt oder bloßgestellt zu werden.
Typische Situationen sind:
- Vor einer Gruppe sprechen
- Gespräche mit unbekannten Personen führen
- Vor anderen essen oder trinken
- An Besprechungen oder gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen
Die Beschwerden beginnen häufig während der Pubertät oder im Jugendalter. Sie gehen deutlich über gewöhnliche Schüchternheit hinaus und können Schule, Beruf und Beziehungen erheblich beeinträchtigen.
Ein 19-jähriger Student hat große Angst vor Referaten. Er befürchtet, zu erröten, zu zittern oder den Faden zu verlieren und anschließend ausgelacht zu werden. Bereits Tage vorher schläft er schlecht. Schließlich bleibt er den Veranstaltungen fern und gefährdet dadurch sein Studium.
Eine zentrale Behandlung ist die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Verhaltensexperimenten. Dabei werden soziale Situationen gezielt geübt und negative Erwartungen überprüft.
Medikamentös kommen selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI, oder der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Venlafaxin infrage.
Panik
Eine Panikattacke ist eine plötzlich einsetzende Episode intensiver Angst oder starken Unbehagens. Die Beschwerden erreichen innerhalb weniger Minuten ihren Höhepunkt.
Typische Symptome sind Herzrasen, Atemnot, Brustschmerzen, Schwitzen, Zittern, Schwindel und Parästhesien. Häufig bestehen Todesangst oder die Befürchtung, die Kontrolle zu verlieren. Manche Betroffene erleben ihre Umgebung als unwirklich oder fühlen sich von sich selbst entfremdet.
Die Dauer ist unterschiedlich.
Eine einzelne Panikattacke bedeutet noch keine Panikstörung.
Definition
Eine Panikstörung ist durch wiederkehrende, unerwartete Panikattacken gekennzeichnet. Die Attacken treten ohne eindeutigen situativen Auslöser auf.
Zusätzlich entwickeln Betroffene häufig eine ausgeprägte Erwartungsangst, also Angst vor weiteren Attacken. Sie beobachten ihren Körper besonders aufmerksam und verändern ihr Verhalten, beispielsweise indem sie körperliche Belastung vermeiden.
(Nach DSM-5-TR müssen nach mindestens einer Attacke für wenigstens einen Monat anhaltende Sorgen oder deutliche ungünstige Verhaltensänderungen bestehen.)
Ein 32-jähriger Mann erlebt innerhalb mehrerer Wochen wiederholt plötzliches Herzrasen, Atemnot und Todesangst. Ein erkennbarer Auslöser fehlt. Zwischen den Attacken kontrolliert er ständig seinen Puls. Aus Angst vor einer erneuten Attacke verzichtet er auf Sport und verlässt seine Wohnung zunehmend seltener.
Medikamentös kommen insbesondere SSRI oder SNRI infrage. Die Auswahl richtet sich unter anderem nach Begleiterkrankungen, Verträglichkeit und individuellen Bedürfnissen. Zudem kommt eine kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung infrage.
Generalisierte Angststörung
Die generalisierte Angststörung, kurz GAS, ist durch übermäßige und schwer kontrollierbare Sorgen über verschiedene Lebensbereiche gekennzeichnet. Häufig betreffen die Sorgen die eigene Gesundheit, die Familie, die Arbeit oder die finanzielle Sicherheit.
Typische Begleitsymptome sind:
- Innere Unruhe und Nervosität
- Rasche Ermüdbarkeit
- Konzentrationsprobleme
- Reizbarkeit
- Muskelverspannungen
- Ein- und Durchschlafstörungen
Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter auftreten. Sie wird häufig im Erwachsenenalter erkannt, kommt jedoch auch bei Kindern und Jugendlichen vor.
Eine 45-jährige Frau sorgt sich seit über einem Jahr täglich um die Gesundheit ihrer Kinder, ihre finanzielle Situation und mögliche Fehler bei der Arbeit. Obwohl kein konkreter Anlass besteht, kann sie das Grübeln kaum unterbrechen. Sie schläft schlecht, ist tagsüber erschöpft und leidet unter Nackenverspannungen.
Medikamentös kommen insbesondere SSRI oder SNRI infrage. Die Auswahl richtet sich unter anderem nach Begleiterkrankungen, Verträglichkeit und individuellen Bedürfnissen. Zudem kommt eine kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung infrage.
Trennungsangststörung
Eine Trennungsangststörung liegt vor, wenn die Angst vor der Trennung von wichtigen Bezugspersonen deutlich über das altersübliche Maß hinausgeht und den Alltag beeinträchtigt.
Betroffene befürchten beispielsweise, dass einer Bezugsperson während ihrer Abwesenheit etwas zustößt. Es können Schulvermeidung, Schwierigkeiten beim Alleinschlafen, Albträume oder körperliche Beschwerden vor einer Trennung auftreten.
Die Störung beginnt häufig im Kindesalter, kann aber auch bei Erwachsenen bestehen oder erstmals auftreten.
Ein achtjähriger Junge klagt morgens vor der Schule regelmäßig über Bauchschmerzen und Übelkeit. Beim Abschied von seiner Mutter weint er und befürchtet, sie könne während seiner Abwesenheit sterben. Sobald er zu Hause bleiben darf, bessern sich die Beschwerden.
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Hinweis
Bei ausgeprägten akuten Angstzuständen können in ausgewählten Fällen kurzfristig Benzodiazepine wie Alprazolam in Betracht gezogen werden. Sie lindern Angst und innere Anspannung, bergen jedoch ein Abhängigkeitsrisiko.
Propranolol kommt gegebenenfalls bei umschriebener Auftrittsangst infrage und lindert vor allem körperliche Symptome wie Herzrasen, Zittern oder Herzklopfen.
